Chorfenster in Hersel
Die farbigen Strahlen von Christi Heiligenschein treffen sich in seinen weit geöffneten Augen. Sein Blick, seine Nase, Mund, Kinn und Wangen: alles ist stilisiert, auf einfache geometrische Formen reduziert. Sein Haar umfließt weich, leicht gelockt sein Gesicht, das weder feminin noch maskulin ist. Linien ziehen sich von den Augenbrauen über die Nase, den Mund bis zum Kinn: natürliche Schönheit, die Nachbildung eines menschenfreundlichen, faszinierenden Jungmännergesichtes – das scheint Hecker gerade nicht gewollt zu haben. Dieses Gesicht widerspricht geradezu den Jesus-Darstellungen der Nazarener, wie sie etwa in einigen überkommenen Kreuzwegstationen unserer Kirche nachgeahmt sind. Für mich ist dieser auferstandene Christus „hinabgestiegen zu den Toten“ von Stalingrad und Auschwitz. Dieser Christus weiß um das unendliche Leid im 20. Jahrhundert, aber auch um all die Leidenden, Verzweifelten, Ungläubigen, die er an sich ziehen und SEINEM Vater zuführen muss. Ein solcher Christus nach dem 2. Weltkrieg mag keine sentimentale Zuneigung von uns, sondern existentielle Lebensentscheidungen, Ja oder Nein.

Der Chorraum ist der Ort, an dem Brot und Wein verwandelt werden: Sie wissen das seit Kindertagen! Aber nicht mehr der alttestamentarische Priester Melchisedek vermittelt zwischen Menschen und Gott, wie es auf dem alten Herseler Flügelaltar dargestellt war, sondern Engel tun es nach Heckers Ansicht. Ein Engel mit weniger auffälligem Heiligenschein bringt „geneigten Hauptes“ einen Korb mit Broten. Dieser Engel schaut demütig und freudig auf diese Brote, die in der Nachkriegszeit so wenig selbstverständlich waren wie bei den hungrigen Menschen, die Jesus ohne Essvorräte in die Wüste gefolgt waren (siehe das Gleichnis von der wunderbaren Brotvermehrung). Mit wenigen Strichen hat Hecker ein frauliches, nicht mehr ganz junges Gesicht gezeichnet. Mienen und Körpersprache dieses Engels zeigen keinen Stolz auf eigene Backkunst, sondern eher bescheidenes Zurückgeben einer Gottesgabe.
Nicht nur der Engel mit den Broten, räumlich unter Christus angeordnet, schwebt auf IHN zu, auch der Engel mit dem Weinkelch im linken Chorfenster gleitet IHM entgegen. Er schaut zu Christus auf, die Augen fest auf IHN gerichtet, geradezu fixiert, mit leicht geöffnetem Mund: auch hier hat Hecker mit wenigen Strichen ein liebenswürdiges Menschenantlitz einem Engel zugedacht, das für mich überhaupt nicht peinlich wirkt. Auch der dritte Engel, ein Huldigungsengel, schaut freudig zu Christus auf und streckt ihm eine gelbe und eine rote Tulpe entgegen; wir sehen diesen gelockten Engel von schräg hinten, so dass wir nur an seinen Wangen seine Begeisterung ablesen können. Am Engel des Bösen, an Lucifer, hat Hecker am meisten stilisiert: er ist zu Boden gedrückt, er hat kaum noch ein menschliches Gesicht, seine rote Halskrause kann man auch als gefletschtes Gebiss deuten: denn er hat nichts mehr zu sagen. Allerdings: Nur im Blick auf den österlichen Christus stimmt das! Der oder das Böse beschäftigt fast jede Tagesschau.
Hecker hat sich auf seine Weise an das gestellte Thema gehalten: der Altarraum als Ort der Eucharistie in den Gestalten von Brot und Wein. Aber der Altarraum und seine Fenster sind kein Schonraum außerhalb der erlebten Welt. (Ich bin sicher, dass ein Künstler und Glaubender wie Hecker in den Schützengräben zweier Weltkriege sein Christusbild in aller Verzweiflung, aber auch in christlicher Hoffnung verändert hat.) Ein Engel bietet Christus das Brot als Zeichen dessen, was wir Menschen täglich brauchen. Ein zweiter Engel opfert Wein als Zeichen freudig-festlicher Gemeinschaft. Ein dritter Engel bringt den Blumenschmuck als Zeichen von Gottes Schöpfung für die Menschen. Alle drei Engel tragen sympathische Menschengesichter: so viel Erlösungsgewissheit nur drei Jahre nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges! Nicht selten haben Menschen in ihrer Not Engel in Menschengestalt erlebt: es gab sie gerade im Krieg. Die Mittel der Ausdruckskunst erlaubten es Hecker, das Gesicht des Nachkriegs-Christus als (menschlich gesprochen) verletzt und entstellt darzustellen, aber auch als göttlich zugewandtes und erbarmendes Antlitz. Insofern ist der Herseler Christus für seine Betrachter eine zeitnahe Predigt.
Wolfgang Schulte

