Peter Heckers Christusbild
Hinter der Christusgestalt erkenne ich Rückteile eines Thrones, vielleicht dessen Seitenwangen. Die kühleren Farben dieses Thrones treten zurück, sie schieben Christi strahlende Gestalt nach vorn; ein Stern (für viele andere) und eine Sonnen- und Mondsichel umgeben IHN. Christi Machtinsignien stehen weder drinnen noch draußen, auch Nacht oder Tag kann ich IHM nicht zuordnen; ER steht da - als Auferstandener ungebunden von Raum und Zeit. All das erinnert an Bilder und Zeichen der Geheimen Offenbarung.
ER ist Sieger über den Tod, über die Mächte des Bösen, aber nicht aus eigener Tüchtigkeit und Tatkraft wie ein weltlicher Sieger. Aus höchster Höhe, aus der Rosette des neugotischen Mittelfensters weist die Hand seines Vaters - wie bei SEINER Taufe durch Johannes - über die Taube des Hl. Geistes auf IHN. Dieser liebende Vater hat seinen Sohn auferweckt, sein Hl. Geist IHN als künftigen Richter ausgezeichnet: Heckers Christus also auch eine pfingstliche Erscheinung!
Vor einer Reihe von Jahren hat Prof. Gerckens die drei eucharistischen Chorfenster von Hecker in unserem Pfarrbrief gewürdigt; auch heute noch gilt, was er damals schrieb: „Wir können stolz sein auf unsere wirklich einmaligen Chorfenster...“. Mir geht es hier darum, Ihren andächtigen Blick auf eine zeitgebundene Christusfigur der Nachkriegszeit zu lenken: ihre übergroßen Augen und Hände machen mich bei jedem Kirchenbesuch nachdenklich. Da ist nicht mehr der starre Blick eines Allherrschers, wie man ihn (in romanischer oder orthodoxer Tradition) z.B. im Chor des Bonner Münsters sieht. Es ist in Hersel der begreifende Blick des Auferstandenen, der nun den Willen Seines Vaters, dessen Liebe zu uns Menschen, auf uns zurückstrahlt. IHM sind die Augen im Tod aufgegangen und übergegangen. Der erhöhte Christus ist unser Vermittler zum Vater. Es ist der liebende Blick auf jeden in seiner Gemeinde, der zu IHM aufblickt. Es ist die leichte Neigung seines Kopfes, die Betrachter anzieht. Es sind SEINE großen Hände, die zugreifen, die Verzweifelte halten, die Kinder und Kindgebliebene an SEIN mitfühlendes Herz drücken können. Solchen Blick und solche zugreifenden Hände brauchte man 1948 in Zeiten des Aufbaus – aber auch heute in Zeiten mit vielerlei Formen der Vereinsamung.
Typisch für die expressionistischen Kirchenmaler der Zeiten nach dem 1. und 2. Weltkrieg: Christus steht in der Mitte, steht im Vordergrund. Peter Hecker (* 13.4.1884 in Türnich; + 28.12. 1971 in Scheuren bei Altenberg) und Jan Thorn-Prikker gehören zu den führenden Köpfen der Kirchenmaler, welche die Gräuel in den Schützengräben des 1. Weltkrieges nicht verschweigen und vergessen konnten. Aus heutiger Sicht bedienten sie sich vergleichsweise verhalten der expressionistischen Stilmittel weltlicher Malerei. In der Frechener Kirche St. Audomar malte Hecker die Schrecken eines solchen Schützengrabens. Heiligendarstellungen treten in ihrer Kirchenkunst zurück. Schon Papst Pius X. reduzierte Heiligenfeste zugunsten der Verehrung Christi und der Dreifaltigkeit. Der geistige „Ziehvater“ dieser Kirchenkunst war Romano Guardini, der die Christusbegegnung im Gemeindegottesdienst in den Mittelpunkt stellte. Dennoch: Hecker hat nicht wenige Gläubige, Kirchenvorstände und Geistliche mit seinen hochaktuellen Christusbildern zu seiner Zeit schockiert. Der Heckersche Christus des Herseler Chorraums will nicht bloß gefallen – alles Süßliche ist ihm fremd; er steht vor uns als Auferstandener, als Sieger nach der Unmenschlichkeit und den Leiden an seinem Karfreitag, an unsere Leiden im Zweiten Weltkrieg. SEIN Seelen-Blick fesselt auch in Zeiten des Überflusses. -
Zum Schluss ein Tipp für einen Hecker-Ausflug: fahren Sie einmal nach Köln über den Bonner Wall ins St. Elisabeth-Krankenhaus. Die dortige Krankenhauskirche wurde im Geist expressionistischer Kirchenkunst von Dominikus Böhm erbaut, der Chorraum wurde von Peter Hecker ausgemalt. Ewald Mataré schuf einen „Ecce Homo“ sowie das Grab des kunstbegeisterten Prälaten Johannes van Acken, dessen Denkmal von Mataré Sie in der Krypta finden. –
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„Unser“ Herseler Hecker-Christus verdient eine größere Beachtung über Hersel hinaus! Ein spätes Kompliment an den Herseler Kirchenvorstand der Nachkriegszeit für den Mut damals, Peter Heckers Entwurf ausführen zu lassen!
W. Schulte

