Chrysanth Joseph Bierbaum

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts schrieb man gerne Chroniken: genaue Fakten und Daten und ein Interesse am Geschick der überschaubaren kleineren Umwelt schienen dem wirklichen Leben näher als Reichs- oder Landesgeschichte. Domkapitular Dr. Dumont sammelte eine „Geschichte der Pfarreien der Erzdiöcese Köln“ und konnte den Pfarrer German Hubert Christian Maaßen gewinnen, eine „Geschichte der Pfarreien des Dekanates Hersel“ (1885) zu verfassen. „Unser“ Pfr. Bierbaum muss eine beachtliche Persönlichkeit gewesen sein, er widmet ihm nämlich 11 Zeilen, andere werden nur namentlich in einer halben Zeile erwähnt. S.137: „Chrysanth Joseph Bierbaum, 1832 – 1868, geboren zu Köln am 12. December 1789, Priester 1814, war Kaplan an St. Remigius (Minoriten) in Bonn, Religionslehrer am Gymnasium (das Gymnasium in Bonn war damals der Vorläufer des Beethoven-Gymnasiums W.S.) und Gesanglehrer im erzbischöflichen Convict zu Bonn, seit 1834 Dechant des Dekanates Hersel, feierte am 4. Juni 1864 sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum, bei welchem Anlasse er vom Cardinal=Erzbischof von Geissel zum Geistlichen Rathe ad honores ernannt wurde. Bierbaum starb am 19. Juli 1868. Er verfasste ein Kirchengesangbuch und componirte Figuralmessen, spielte Clavier und Orgel, jedoch mit besonderer Vorliebe die Harfe. Bierbaum bewohnte seit dem Jahre 1852 ein von ihm erbautes Haus. Die Pfarrwohnung überließ er seinem Halbwinner.“

Chrysanth Joseph Bierbaum
Anmerkungen dazu: Woher wusste Pfr. Maaßen dies über seinen Mitbruder Bierbaum? Wohl weniger von unseren Herseler Vorfahren als vielmehr aus der Personalakte (im Generalvikariat?). Die Orgel in unserer alten Pfarrkirche kann ich mir allein aus räumlichen Gründen nur klanglich bescheidener und kleiner vorstellen als unsere renovierungsbedürftige „Andachtsorgel“ von Klais in der heutigen Kirche. Ob das damalige Instrument Bierbaum begeisterte? – Gerne würde ich über die Gründe spekulieren, warum Pfr. Bierbaum (Stammte er aus einem wohlhabenden Hause? Wollte er auch nachts „Clavier“ spielen können?) die Pfarrwohnung seinem „Halbwinner“ überließ. Ein Halbwinner war ein "Bauer, der gegen den Genuß der Hälfte der Früchte den Acker eines Herrn bebaut", so ein Rechtslehrbuch von damals. Undenkbar heute.

Ein Kaplan Bierbaum stellt ein Gesangbuch für die Erzdiözese Köln zusammen!? In einer New Yorker Bibliothek existiert noch ein Exemplar, dessen Kopie man bei Google gegen Bezahlung einsehen kann. Die Titelseite sieht so aus:

„Römischkatholisches
Gesangbuch
Mit Gutheißung
Des Hochwürdigen Erzbischöflichen
General=Vikariats
In Cöln
Herausgegeben
von
Chrysanth Joseph Bierbaum
Kaplan zum h. Remigius in Bonn.
Dritte stark vermehrte Auflage.
Bonn 1830.
Gedruckt bei P. Neusser, am Hof, Nro. 41.
auf Kosten des Herausgebers“

Soweit das Deckblatt. Meine Spekulation über einen begabten Sohn aus wohlhabendem Hause gewinnt neue Nahrung. Bierbaum muss als Kaplan unter dem Kirchengesang seiner Zeit gelitten haben. Man sang nur auswendig. Wie sollten das junge Leute leisten, die der Erzbischof von Köln zu einem täglichen(!) Messbesuch verpflichtete. Pfr. Bierbaum wörtlich: „Um vor schädlicher Langeweile und Gedankenlosigkeit im Hause des Herrn die Jugend zu bewahren, und das fromme Gefühl der Andacht in ihr zu wecken, muß man mit lieblichen Gesängen, oder, was noch besser ist, mit Gebethen und Gesängen abwechselnd sie beschäftigen“ (S. IX).
Übrigens wird nur die Melodie von „Fest soll mein Taufbund...“ Pfr. Bierbaum zugeschrieben, der Text stammt von Pfr. Christoph Bernhard Verspoell aus Münster (1743-1818), vor der Auflösung des Fürstbistums Münster gedichtet.

Auf einen solchen Kaplan, Pfarrer und Dechanten Bierbaum konnte der Erzbischof von Köln bauen und stolz sein.

Wolfgang Schulte