Auf dem Herseler Friedhof (II)

Ein hartes Christus-Wort: Lass die Toten ihre Toten begraben! (Mt 8,21; Lk 9, 59f) Christi Verbot also, auf unseren Friedhof so viel Schweiß und Geld, so viel Gärtner- und Steinmetzkunst zu verwenden? - „Ihr könnt meine Asche ruhig auf eine Wiese oder ins Meer streuen“, erlaubt mancher moderne Sterbende vor seinem Tod. Also Schluss mit jeder Kommunikation zwischen Verstorbenem und Lebenden, der aufgeklärte Mensch steht über unserer Gräberkultur, über unserer Glaubenstradition. Hat dieser Zeitgenosse Christi scharfen Verweis richtig verstanden? Will da jemand uns Hinterbliebenen das Trauern ersparen – in scheinbarer Bescheidenheit um die eigene Person? - Christus geht es um seine Nachfolge; die gilt unbedingt, da gibt es nur ein Ja oder Nein. Christus mag die Ausrede nicht: Ich will Dir zwar nachfolgen, aber noch nicht sofort; erst will ich noch eine Beerdigung ausrichten. Wer sich damit entschuldigt, er müsse erst seinen Vater beerdigen, ist kein dem Leben und damit Gott Zugewandter; er ist eher ein „Toter“, der nicht verstanden hat, wie viel Leben Gott für uns Sterbliche bereit hat. - Wenn Herseler ihre Verstorbenen unter dem Kreuz „ruhen“ lassen, dann ist das ein gläubiges Zeichen, wie schwer es einem auch bei einer Beerdigung mit dem Glauben an ein ewiges Leben geht.

Was wäre unser Friedhof ohne Wasser? Gesponserte grüne Gießkannen bewachen bei Sonnenuntergang arbeitslos die Wasserhähne; ehemals gab’s Brunnen, aus denen man schöpfte wie die Samariterin im Neuen Testament. Ein Wasserhahn tropft müde. Eine verspätete Biene hat sich auf den Rand des Wasserhahns gesetzt, trinkt; sie lässt sich nicht vertreiben. Ich könnte ihren Durst im Foto festhalten, wenn ich ein Makro-Objektiv eingepackt hätte – so ausführlich trinkt sie. Ihr Durst wirkt anregend auf mich. Wasser des Lebens. Ich habe eine ältere Dame beobachtet, die auch das vernachlässigte benachbarte Grab nicht dursten lässt.

Die Grablichter leuchten, seit die Sonne ihr Rot über dem Vorgebirge zurückgenommen hat. Die Öllämpchen erinnern mich an Kerzenspenden vor der Immerwährenden Hilfe in unserer Kirche, an das Ewige Licht im Chorraum. Bei so vielen Lämpchen verliert unser Friedhof auch in der Nacht alles Schauerliche; ich hätte nicht so viele Gedichte über nächtliche Kirchhöfe lesen sollen. Den Heiligen und den Toten nach altem Brauch Kerzen spenden? Die Lichter sind nicht für die Toten da, sondern für die Lebenden: Gott hat sich unserer Toten erbarmt, sie können bei IHM unsere Fürbitter sein. Ein christlicher Trost. - Heute gehört schon Mut dazu, vor einem Grab ein Licht anzuzünden und zu beten.

Mein Gang an Grabmälern vorbei. So viele Herseler Namen, zu denen mir genauso - wie anderen Friedhofbesuchern auch - ganze Lebensgeschichten und Schicksale einfallen. Ihre Biographien sind abgeschlossen. Haben wir damals Zeit für sie aufgebracht, ihren Lebenslauf zu fördern? – Die vielen Gespräche tagsüber auf dem Friedhof! Ernst, getragen beginnen sie. Aber so enden sie nicht. Ob unsere Verstorbenen gerne mitreden würden?

Friedhof herselKeine kalten Füße, kein Kampf mit tröpfelnder Nase im heißen Juni, keine roten Augen vor einem Sarg, keine eilige Stadtbahn, die bei Beerdigungen schrill Gebete übertönt: so verlassen, überwarm lässt sich unser Friedhof als Ort des Lebens und der Besinnung selten erleben. Mich fröstelt es schon jetzt, wenn ich an unseren Friedhof im November denke. Ich ertappe mich dabei, wie ich einem Kieferzapfen am Boden pietätlos einen Tritt versetze.

Wolfgang Schulte