Auf dem Herseler Friedhof (II)

Gedankensplitter und Fotos an einem heißen Juniabend 2006

Weiterlesen: Auf dem Herseler Friedhof (II)„Friedhof“ – ein friedlicher Hof? Der Deutschlehrer in mir muckt auf: das alt-hochdeutsche „frithof“ bezeichnete ursprünglich den eingefriedeten, meist mit einer Mauer umgebenen Vorhof einer Kirche. So wie noch oft in Bayern! Unsere alte Herseler Kirche (unser Stückchen Bayern im Dorf) hat immer noch einen Rest von solchem Vorhof – aber was wäre der für so viele Tote in unserer wachsenden Bürgergemeinde Hersel? – Als Christ bedaure ich, dass unsere Toten nicht mehr um die Sonntagsfeier in unserer neugotischen Kirche St. Ägidius räumlich nah versammelt sind. Aber in unseren Fürbitten, in unseren Totenrosenkränzen, in unserem stillen Gedenken im Hochgebet der Kirche sind sie ganz nah bei uns, auch jenseits der B 9 und der Schienen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten die Friedhöfe aus unseren Siedlungen an deren Ränder. Die Römer schon haben außerhalb der Stadtmauern beerdigt, wir haben also geschichtliche Vorbilder! – Der Friedhof wird ein Friedenshof, wenn man hier innerlich ruhig werden, trauern und an all die Toten denken kann, die unvergesslichen und die längst vergessenen, wenn man sie beim Pflanzen, Pflegen, Bücken und Gießen ins Gedenken und ins Gebet holen kann.

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Spuren

Weiterlesen: SpurenAls christlicher Radfahrer von Bonn nach Hersel ärgere ich mich unchristlich, fast täglich! Wut packt mich. Bevor man Hersel erreicht, lädt ein vatikanfarben gelb-weißes Schild zur Sonntagsmesse ein. Messe? Kirche?? Die Einladung ist überschmiert. Ein Graffitifreund hat sich auf ihm „ausgedrückt“, nur für Gleichgesinnte und Kenner verständlich. Das schöne Schild!! Schmierfink! (Sicher keine Schmierfinkin, vermute ich: Haben junge Frauen das nötig?) Hat „der“ Schmierer was gegen Katholiken?
Wenige Meter weiter seine Spur: ein ganz weltliches Verkehrsschild; auch hier hat sich unser „Schmierfink“ verewigt. Also kein Affront gegen unsere Kirche! Durchatmen, genauer hinschauen: aha, ein Pseudonym. Ich entziffere ‚F a M ,’ Das eigene Pseudonym – oder das von einer Rockband? Irgendwer aus der Hip-Hop-Kultur? Ich wehre mich innerlich: Subkultur! Die Namen der Jecken ... Bestimmt nicht die eigenen Anfangsbuchstaben! Oder heißt hier einer Fritz Anton Müller oder Meyer? Einen Herseler mit F A M könnte man schnell dingfest machen. Ob es eher um FAME geht, also um Ruhm??
Zu Atem gekommen, überlege ich mir: die Spur eines Anfängers! Hat sich ein paar Filzstifte in verschiedenen Farben gekauft. Er versucht sein Kürzel, sein geliebtes Pseudonym möglichst öffentlich und oft anzubringen. Und das bei dem Autoverkehr auf der B9. Keine Angst vor einer Polizeistreife? Ob der nachts unterwegs war?

Weiterlesen: SpurenImmer mehr „Writer“ produziert die Szene. Wer auffallen will, muss immer größere, auffälligere und buntere „Tags“ anbringen, ordentliche Mitmenschen ärgern. Schauen Sie sich mal am Herseler Bahnhof der Linie 16 beim Warten auf die Bahn den „verzierten“ Güterschuppen an! Da haben sich Writer ausgetobt. Könner sprühen räumlich, dreidimensional, umranden, was die Sprühdosen hergeben. Und immer gilt das 11. Gebot ‚Du darfst dich nicht erwischen lassen’! Denn Sachbeschädigung kann teuer werden.
Schließlich versetze ich mich in den jugendlichen Schmierfinken ohne Gesicht. Meine Wut schmilzt: armes kleines „Writer“chen. Brauchst du den Kick? Willst du deine Angst erleben und überwinden, ein Schlückchen „Selbstverwirklichung“ nippen? Hat dich wenigstens ein Kumpel für deinen Mut gelobt?

 

Versuchs mal ganz legal mit Malen, mit was Sozialem, das bringt „echt Fame“! Auch eine Spur zum Glück!
Übrigens haben unsere evangelischen Mitchristen deine Spur auf ihrem Schild längst beseitigt. Lass uns unsere Einladung zu Gottesdiensten am Sonntag!

Wolfgang Schulte

Chorfenster in Hersel

Peter Hecker gestaltet Gesichter in den Herseler Chorfenstern von 1948

ein Einwand auf einen Einwand...

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Weiterlesen: Chorfenster in Hersel Ein berechtigter Einwand eines älteren Kirchenbesuchers: „Christus kann ich mir nicht so vorstellen wie dieser Hecker“. Was für ein Gesicht passt zu Christus? -

Wie habe ich mich als Schüler im Kunstunterricht vor Gesichtern gedrückt; jeder Fotoapparat war meinen bescheidenen Zeichenkünsten überlegen. Fotos von Christus gibt es Gottseidank nicht, das Turiner Leichentuch kann unsere Neugier auch nicht befriedigen. Unseren Religionslehrern bin ich jetzt noch dankbar: wir mussten niemals Christus malen. Und doch sind Gesichter faszinierend, sprechend, sie spiegeln Innerstes; daher sind die Erwartungen an ein Gesicht in der Kunst hoch: man kann es ungeniert lang anschauen, in ihm lesen, es auf sich beziehen. – Hecker hat den Herseler Christuskopf nicht mit einem goldenen, sondern mit einem strahlend roten und blauen Heiligenschein umgeben, um den Blick des Zuschauers auf IHN zu zentrieren. Auf dieses Herseler Christusgesicht wird Hecker manche Überlegung gewandt haben. Inzwischen habe ich einige Christus-, Heiligen- und Prophetengesichter Heckers in anderen Kirchen unseres Erzbistums gesehen und ahne, dass in diesem Herseler Christus kirchliche Tradition und persönlicher Glaube ihren zeitgebundenen Ausdruck gefunden haben. Hecker scheint mir ein kluger Vermittler zwischen kirchlicher Tradition und modernen Sinnkrisen zu sein. Die Engelgesichter von Hersel verraten, wie vielgestaltig und realistisch Hecker Gesichter formen konnte.

 

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Peter Heckers Christusbild

Peter Heckers Herseler Christusbild von 1948

 

Weiterlesen: Peter Heckers Christusbild Ehe Sie in unserer Kirche eine Kniebeuge machen und in einer Bank Platz nehmen, sehen Sie ungewollt „unserem“ Herseler Auferstandenen in seine weit geöffneten Augen; helles Morgenlicht aus dem Osten durchstrahlt Peter Heckers Chorfenster und damit Christi österliche Erscheinung; der siegreiche Christus zieht alle Blicke auf sich; leuchtende Grundfarben und Erdfarben erinnern an die Ausdruckskunst der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die rot-blauen Strahlen seines Heiligenscheinsgehen von seinen Augen aus. Sein Gesicht zeigt noch Brauntöne des zurückgelassenen Grabes, sein Gewand leuchtet in gelb-rötlichen Rechtecken wie von Sonnenflecken überirdisch erhellt. Der siegreiche Christus aus der Nachkriegszeit zeigt statt eines Eisernen Kreuzes, einer Verdienstmedaille mit gekreuzten Waffen in Bescheidenheit seine rechte Hand auf dem Herzen; sie ist dunkel wie sein Untergesicht, aber ausgezeichnet durch ein gekreuztes Blut-Rot. Ob ER nach seinem Karfreitag wie ein Überlebender von einem Verbandsplatz kommt? – Hecker konnte sich also nicht zu einem Christus als eucharistischem Gastgeber im Abendmahlssaal entscheiden, das wäre ihm zuviel an Tradition gewesen!

   Als 1945 die Amerikaner siegreich ins geschundene Deutschland einzogen, jubelten ihnen Kinder und Erwachsene zu, ich auch, die Hoffnung auf bessere Zeiten war 1948 noch jung. Jetzt gaben die Sieger den Ton an. Aber Christi Sieg über den Tod schafft keine neuen politischen Verhältnisse und Abhängigkeiten für Besiegte. Der kniende, aufwärts blickende Engel hat verstanden, um welchen Sieg es hier geht; er streckt IHM mit hochgereckter linker Hand eine rote und gelbe Tulpe entgegen, Zeichen des Frühlings, des neu erwachten Lebens. In unserem Namen huldigt dieser Engel dem Sieger und Messias zu. Die blutrote Fratze des Bösen ist Christus unter die Füße gelegt, sie kann in der äußersten unteren Bildecke nur noch zu Boden schauen. (Von den überzeugten Nazis habe ich 1945 kaum Besiegte gesehen, die schamrot auf den Boden schauten.)

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Chrysanth Joseph Bierbaum

Chrysanth Joseph Bierbaum (1789 – 1868)

1832-1868 Pfarrer von Hersel, ab 1834 Dechant von Hersel

Der Fahrer eines bulligen Lieferwagens: „Sie da, junger Mann!“ (Frechheit?! Rheinische Ironie gegenüber einem Graukopf?) „Wo hadd’r denn de Bierbaumstrooß?“ – „Wohin wollen Sie denn?“ (Ich schinde Zeit: wie erkläre ich einem Ahnungslosen knapp und eindeutig die Einfahrt in eine Nebenstraße, die bislang nicht mal jeder Herseler kannte? Bierbaum? Immerhin, geht es mir durch den Kopf, orientiert er sich an einer kirchlichen Persönlichkeit.) Er schiebt nach: „Dat Seniorehuus, dat neue! Hadd’r kee Jeld füe e Schild an de Strooß?“ (Dreistigkeit! Unterstellung: Hersel spart?! Soll er sich einen verlässlichen Navigator kaufen, statt uns zu beschimpfen.) So erkläre ich ihm auf Hochdeutsch und damit umständlich, wie er sich an unserer Kirche orientieren kann, um das neue Angela-Merici-Seniorenheim zu finden. Ich übersehe seinen verzweifelten Blick auf seine Armbanduhr. Immerhin: er hebt dankend zwei Finger seiner Rechten an seine Kappe.

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Zweimal lesen wir heute „Bierbaumstraße“: einmal in blauer Emaille, leicht in die Jahre gekommen und als neugepflanztes schwarz-weißes Straßenschild, dem alten Schild gegenüber. Schade: keine Erklärung, wer Bierbaum war. Einer mit treuherzigem Blick: „Kennen Se der nit? Der Dichter unseres Kirchenschlagers ‚Fest soll mein Taufbund immer stehen’. Otto Julius Bierbaum oder so, bekannter Dichter in der Romantik.“ Ich bin misstrauisch, zwar Graukopf, aber ohne Angst vor meinem Computer. Daheim finde ich über Otto Julius B. viele Einträge, über ‚unseren’ Chrysanth Joseph B.’ fast nichts, nicht mal sein Bild. Beide waren musische Menschen, kreativ, geradezu in den Fängen ihrer Künste. Otto Julius (1865 – 1910) war mit Sicherheit mit seinem geistlichen Namensvetter nicht einmal verwandt; Otto Julius stammte aus Niederschlesien, Corpsstudent in Leipzig, Redakteur und Herausgeber berühmter Zeitschriften „Die freie Bühne“, „Neue Deutsche Rundschau“, „Die Insel“. Als Verfasser von Gedichten liebte er Formen des Mittelalters, der Anakreontik und des Volksliedes. Romane (z.B. “Stilpe”) und eine damals höchst moderne Variante ‚empfindsamer Reisen’ verdanken wir ihm: „Eine empfindsame Reise im Automobil“, 1903: er schrieb also das erste deutsche Autoreisebuch. – Wie anders Chrysanth Joseph: er gehört den musikalisch begabten Rheinländern der Romantik an. Dabei kann ich als Laie nicht trennen zwischen einem Komponisten Bierbaum und einem Musiker und Vermittler damals aktueller Musik.

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